| Aachener
Nachrichten vom 31.03.04 |
Vergnügte
Fans schon Stunden vor dem Spiel
Von Nachrichten-Mitarbeiter Arnd Gottschalk
Düsseldorf/Köln. Die Piraten von heute bereiten ihre Eroberungen von
langer Hand vor. Seit einem halben Jahr planen die
American-Football-Fans von Rhein Fire ihren Beutezug.
Sie kapern - Verzeihung: mieten - das größte Passagierschiff auf dem
Rhein, fahren von Düsseldorf nach Köln und dort mit der Straßenbahn
zum Rhein-Energie-Stadion. Dort wollen sie einen Sieg beim Auswärtsspiel
gegen den rheinischen Rivalen Cologne Centurions einfahren, verbunden
mit einer standesgemäßen Party.
Mischung aus Sport und Show
Das hört sich verrückt an? Ist es auch. Es ist typisch für
einen Sport, der sich bewusst von anderen Sportarten absetzen will,
auf und neben dem Spielfeld. Das Spektakel steht im Vordergrund, eine
Mischung aus Sport und Show wird perfekt inszeniert.
Am Sonntag beginnt für Rhein Fire die zehnte Saison in der NFL
Europe, einer Tochterliga der amerikanischen Football-Liga NFL. In
jedem Jahr werden 200 Spieler aus Amerika zu den sechs europäischen
Teams geschickt. Die Spieler werden so verteilt, dass gleich starke
Mannschaften entstehen. Das soll - zumindest in der Theorie - für
spannende Partien sorgen.
Beim Football gibt es ein Begleitprogramm, das alles, was der normale
Fußball-Fans aus den Stadien kennt, weit in den Schatten stellt. Beim
Fußball gilt: Hingehen, gucken, wieder nach Hause fahren. Das
gastronomische Angebot ist meist beschränkt auf Bier und Bockwurst,
das Unterhaltungsangebot besteht aus dem gemeinsamen Singen der
Vereinshymne, falls vorhanden.
Riesenparty mit Live-Musik
Beim Football hingegen gibt es eine Riesenparty, beste
Unterhaltung für die ganze Familie: Live-Musik auf mehreren Bühnen,
prominente Gäste, Football zum Selbstspielen, Tänze der Cheerleader,
dazu ein kunterbuntes gastronomisches Angebot. Die Anhänger finden
sich meist schon Stunden vorher auf dem Stadiongelände ein, um zu
feiern. Vor dem Start in die zehnte Saison wagt der Chef von Rhein
Fire einen Blick zurück: «Das waren zehn spannende Jahre», sagt
General Manager Alex Leibkind. Und vor allem erfolgreiche: Hätte
jemand vor zehn Jahren vorausgesagt, dass Rhein Fire sich zu einer der
größten Sport-Attraktionen an Rhein und Ruhr entwickelt, er wäre
ausgelacht worden. 35.000 Fans gehen im Schnitt zu den Heimspielen des
Teams, mehr als bei manchem Verein der Fußball-Bundesliga. «Wir
haben uns in sehr kurzer Zeit einen Namen gemacht», so Leibkind.
Aber die Idylle hat in den letzten beiden Jahren Risse bekommen. Ralph
Orlob vom Fanclub «Fireplanet», der auch die Piratentour nach Köln
organisiert, hat wachsenden Unmut bei den Anhängern ausgemacht. Der
Umzug vom Düsseldorfer Rheinstadion in die Arena Auf Schalke vor der
letzten Saison hat den Fans nicht geschmeckt, zumal er mit saftigen
Preiserhöhungen verbunden war. Orlob befürchtet für die am Samstag
beginnende Spielzeit erstmals sinkende Zuschauerzahlen - das dürfte
jenseits des Atlantiks die Skeptiker bestärken, die die
Europa-Filiale am Liebsten sofort dichtmachen würden.
Die amerikanische Mutterliga NFL ist ein Wirtschaftsunternehmen, das
knallhart kalkuliert. Weil die sechs Vereine der NFL Europe seit
Jahren rote Zahlen produzieren, sind sie akut von der Schließung
bedroht. Alex Leibkind ist allerdings optimistisch, was die Zukunft
der Liga angeht. Er verweist darauf, dass in der «großen» NFL in
der nächsten Saison 16 Plätze für Spieler aus Europa freigehalten
werden. «Das beweist, dass wir auf einem guten Weg sind.» Die
Investitionen begännen sich für die NFL-Vereine langsam auszuzahlen.
Profit aus der Rivalität
Der engagierteste Verfechter des Europa-Experiments ist der Chef
persönlich, NFL-Commissioner Paul Tagliabue. Bei seinem Köln-Besuch
im letzten Jahr machte er noch einmal deutlich, dass er die Europaliga
erhalten und sogar ausbauen möchte. Die Bedingung: Die
Zuschauerzahlen müssen steigen. Und da kommt der Neuling ins Spiel: Köln
ist in diesem Jahr erstmals in der Liga dabei, die Centurions treten
die Nachfolge der Barcelona Dragons an, die aus der Liga
rausgeschmissen wurden, weil der Zuschauerschnitt zu schlecht war.
Die NFL Europe will von der Rivalität der beiden Metropolen am Rhein
profitieren. Allein bei den Lokalderbys gegen Rhein Fire und Frankfurt
werden vermutlich mehr Zuschauer ins Stadion kommen als bei den
Dragons in der gesamten Saison. Und ein paar Piraten sind auch dabei.
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